Fragen zum Stellenwert der Bibel im Christentum
Welche Bibel(-übersetzung) bzw. welche Bibelausgabe wird offiziell in Liturgie und Glaubensunterweisung verwendet?
Ausgabe einer Bibel in koptischer Sprache.
Koptische Kirche: Griechisch, Koptisch.
– Syrisch-orthodoxe Kirche:
Syrisch-aramäisch, manchmal Arabisch.
– Armenier: Einheitsübersetzung alt.
Muttersprachliche Texte (Griechisch u. a.) in der Liturgie, deutschsprachige Übersetzungen im Unterricht.
Seit 2015 ist in Österreich eine orthodoxe Schulbibel (Bild oben) in Deutsch mit Teilen des Neuen Testaments in Verwendung (für Griechen, Serben, Russen, Rumänen, Bulgaren).
Einheitsübersetzung 2017
Da an der Übersetzung auch evangelische Theologen beteiligt waren, wurden die Psalmen und das Neue Testament sowohl von katholischer als auch von evangelischer Seite anerkannt. Bereits in Gebrauch ist die Neuausgabe der Einheitsübersetzung von 2017.
Lutherbibel 2017
Luther übersetzte beide Teile der christlichen Bibel aus der jeweiligen Originalsprache (Altes Testament aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen; Neues Testament aus dem Griechischen). Sie wurde mehrfach revidiert.
Letzte Neuausgabe: Lutherbibel 2017.
King-James-Bibel
Seit ihrer Erstveröffentlichung im Jahre 1611 ist sie die einflussreichste englischsprachige Bibelübersetzung. Sie wurde im Auftrag von König Jakob I. von England erstellt. Heute wird vor allem die im Jahre 1769 entstandene Ausgabe verwendet.
Auf welcher Grundlage werden die biblischen Bücher ausgewählt? Welche Bücher gehören zur off iziellen Zusammenstellung (Kanon)?
Die meisten orthodoxen Kirchen haben die „deuterokanonischen“ alttestamentlichen Bücher in ihren Kanon aufgenommen, zusätzlich auch das 1. Buch Esra und das 3. Makkabäerbuch. In einigen orthodoxen Kirchen werden auch das Buch der Oden, das 4. Makkabäerbuch, das Gebet Manasses bzw. ein 4. Buch Esra (das nur in lateinischer und slawischer Übersetzung überliefert ist, während die griechische Version verlorenging) als kanonisch anerkannt.
Die römisch-katholische Kirche erkennt die Zusätze der Septuaginta (= die Übersetzung der „Siebzig“, Abk. LXX; sie ist die älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel ins Griechische) zu Ester und Daniel, die Bücher Tobit, Judit, die ersten beiden Makkabäerbücher, Jesus Sirach, das Buch der Weisheit, Baruch und den Brief des Jeremia als deuterokanonische Schriften an, das 3. und 4. Makkabäerbuch sowie das 3. Buch Esras hingegen nicht.
Der Protestantismus hat nur die Bücher des TANACH in seinen alttestamentlichen Bibelkanon übernommen. In den lutherischen Kirchen gelten die deuterokanonisch genannten Zusätze und Bücher sowie das Gebet Manasses als Apokryphen, die in ihren Bibelausgaben oft als Anhang mit abgedruckt werden. In den reformierten Kirchen werden für das Alte Testament grundsätzlich nur die Bücher der hebräischen Bibel anerkannt und in ihren Bibelausgaben abgedruckt.
Das erste Neue Testament in englischer Sprache brachte bereits Wyclif (1330–1384) im Jahre 1383, ein Jahr vor seinem Tod, heraus. Im Jahre 1382 wurden seine Schriften von einer Synode in Oxford als ketzerisch verurteilt.
Welche anderen Übersetzungen gibt es?
Altorientalen
Kopten: Schlachter Bibel 2000
und Septuaginta-Deutsch für das AT.
Syrer: Gute-Nachricht-Bibel.
Bibel- und Liturgiesprache der Orthodoxie ist die jeweilige Landessprache oder eine ältere Form derselben, wie etwa
Altgriechisch oder Kirchenslawisch.
Katholiken
– The New Jerusalem Bibel – Standard
Edition by Henry Wansbrough (1985).
– Neue Jerusalemer Bibel:
Einheitsübersetzung mit dem
Kommentar der Jerusalemer Bibel (1985).
– Das Neue Testament v. Fridolin Stier (1989).
– Elberfelder Bibel (ab 1855; 2006).
– Zürcher Bibel (2007).
– „Gute Nachricht Bibel“ (ab 1985).
– Münchner Neues Testament (1989).
– Schlachter Bibel (2000).
– Bibel in gerechter Sprache (2007).
– Die Volxbibel (62009).
Wie kann das Verhältnis von Hl. Schrift zur kirchlichen Tradition beschrieben werden?
Altorientalen und Orthodoxe
Die Bibel ist eine wichtige Quelle des Inhalts des christlichen Glaubens.
Sie ist Ausgangspunkt und Fundament jeder Theologie.
Gemeinsam mit der Lehre der Kirchenväter, den Entscheidungen der sieben Ökumenischen Konzilien und dem liturgischen Leben bildet die Bibel den Gehalt des Glaubenswissens und christlichen Handelns.
Katholiken
Das Zweite Vatikanische Konzil gibt der Heiligen Schrift den ersten Platz.
Das Konzil sieht die Tradition nicht als eine Ergänzung der Heiligen Schrift, sondern als ihre Auslegung durch die Jahrhunderte. In diesem Sinn stellt das Konzil fest, die Kirche schöpfe „ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Schrift allein“.
Protestanten
(allein durch die Schrift) gingen die Reformatoren zurück zu den biblischen Quellen der christlichen Botschaft.
Es werden jedoch auch die Traditionen der Dogmen anerkannt (vgl. Erklärungen zwischen Orthodoxen und Lutheranern). Das Sola-Scriptura-Prinzip richtete sich vor allem gegen menschliche Traditionen, die die authentische Lehre der Kirche verdunkeln könnten.
Der an der Hl. Schrift orientierte Gläubige versteht sich als befreiter Mensch, der sich auch befreit weiß von jeder Bevormundung durch kirchliche und weltliche Autoritäten.
Das Wort Gottes zu erkennen heißt für Calvin, das Leben der Heiligen Schrift gemäß zu gestalten, also: im täglichen Leben die eigene Gier nach Reichtum und Macht im Zaum zu halten.
Was bildet die Basis aller Bibelübersetzungen?
Altorientalen
BHS (Biblia Hebraica)
Sie ist die vollständige wissenschaftliche Ausgabe des Codex Leningradensis, mit allen wichtigen Textvarianten und Korrekturvorschlägen im textkritischen Apparat.
Die BHS ist weltweit in Gebrauch und wird in allen Konfessionen überaus geschätzt.
Novum Testamentum Graece (Nestle-Aland)
Dabei handelt es sich um eine textkritische Ausgabe, die versucht, den ursprünglichen Textbestand des griechischen Neuen Testaments zu rekonstruieren.
Den gleichen Text mit anderen Anmerkungen bietet das Greek New Testament.
Septuaginta (LXX)
Dabei handelt es sich um eine textkritische Ausgabe, die versucht, den ursprünglichen Text der Septuaginta anhand des verfügbaren Handschriftenmaterials zu rekonstruieren. Die LXX enthält einige Bücher, die in modernen Bibelausgaben nicht zu finden sind.
Biblia Sacra Vulgata
Der wissenschaftlich maßgebliche Text der Vulgata ist heute die von Robert Weber und Roger Gryson herausgegebene „Biblia Sacra Vulgata- Editio quinta.“
Die Ausgabe enthält den aufwändig rekonstruierten lateinischen Bibeltext mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat.
Onlineausgaben
Alle diese Quellentexte sind auf der Seite www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln zu finden.
Deutsche Ausgaben sind bequem über
www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln ereichbar.
Teil 1 der Serie:
katholisch / evangelisch: Was sie verbindet, was sie trennt
Teil 2 der Serie:
Verständnis der Heiligen Schrift
Teil 3 der Serie:
Teil 4 der Serie:
Teil 5 der Serie:
Teil 6 der Serie:
Teil 7 der Serie:
Teil 8 der Serie:
Teil 9 der Serie:
Teil 10 - Ende der Serie
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