"Die verbauten Flächen entstehen auf den besten Böden Österreichs", sagt BOKU-Rektor Martin Gerzabek.
"Die verbauten Flächen entstehen auf den besten Böden Österreichs", sagt BOKU-Rektor Martin Gerzabek.
Der Rektor der Universität für Bodenkultur, Martin Gerzabek, sieht in der Verdichtung und Revitalisierung von Ortskernen, eine Chance, dem Bauwahn Einhalt zu gebieten. Für ihn hat in der Entwicklungszusammenarbeit die Bildung einen hohen Stellenwert.
Das Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr des Bodens erklärt. Warum kann man Boden als Grundlage des Lebens bezeichnen?
Martin Gerzabek: Ohne Boden gibt es keine Primärproduktion, ohne Boden kein Pflanzenwachstum, keine Biomasse. Wir alle hängen unmittelbar davon ab. Wie wir mit unseren Böden umgehen, so gehen wir mit unserer Lebensgrundlage um.
Warum ist der Bodenschutz wichtig?
Martin Gerzabek: Von der Landmasse der Welt sind ca. 12 Prozent tatsächlich für Ackerbau nutzbar. Dieser Anteil vermehrt sich nicht, sondern verringert sich durch verschiedenste Einflüsse, etwa aufgrund der Flächenkonkurrenz. Der Mensch benötigt Boden nicht nur im Sinne der Primärproduktion, sondern auch als Fläche für Infrastruktur, für Bauten, für industrielle Gewerbegebiete usw. Auf der anderen Seite gehen durch die nicht nachhaltige Nutzung des Bodens, durch Erosion und Degradation Flächen verloren. Der Flächenverlust allein durch Verbauung beträgt in den 28 EU-Staaten ungefähr 800 bis1000 Hektar am Tag, das ist doch eine sehr große Zahl. In Österreich sind es etwa 20 Hektar pro Tag. (Anmerkung: Das entspricht etwa 31 Fußballfeldern.)
Der Wert in Österreich ist aber schon hoch, oder?
Martin Gerzabek: Wir sind ein Land, das sehr zersiedelt ist. Das ist bei den Nachbarländern in dieser Form nicht gegeben. Zersiedelung bedeutet gleichzeitig zusätzliche Infrastruktur. Die demographische Entwicklung zeigt, dass 2050 die Bevölkerungsdichte im Großraum Wien auf 130 Prozent des Wertes von 2009 angestiegen sein wird. Es wird zusätzliche Wohnflächen und Verkehrserschließung geben. In Wien und Umgebung wird sich der Trend sogar noch verstärken. Warum ist das ungünstig? Weil wir uns hier im Bereich der besten Böden von Österreich befinden.
Gibt es eine Strategie, die man dagegenhalten könnte?
Martin Gerzabek: Eine wesentliche Strategie ist es, Ortskerne zu verdichten oder auch wieder zu revitalisieren. Wir haben große Einkaufszentren an den Ortsrändern mit großem Flächenverbrauch und sehr häufig Ortszentren, die wirtschaftlich sehr schwächeln. Es geht darum, einen Anreiz zu setzen, die Ortszentren wieder verstärkt als Einkaufszentren nutzbar zu machen, eher Baulücken in Ortschaften zu schließen und nicht wieder landschaftliche Flächen umzuwidmen.
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf nutzbare Böden?
Martin Gerzabek: Es gibt Schätzungen, dass sich bis zum Jahr 2100 die nutzbaren landwirtschaftlichen Flächen auf der ganzen Welt sehr stark verändern werden. Man rechnet mit einer Abnahme in Südamerika, Afrika und Europa von etwa 10 bis 15 Prozent. Gleichzeitig mit einer Zunahme von bis zu 50 Prozent in Russland, etwa 30 Prozent in China und ca. 15 Prozent in den USA. Es werden sich insbesondere in Russland die Grenzen für die Bebaubarkeit mit Getreide deutlich nach Norden verschieben. Was dabei gar nicht so beachtet wird, dass sich geopolitisch Machtverschiebungen ergeben. Wer produziert dann die Nahrungsmittel? Afrika kommt noch mehr unter Druck, Russland und China werden die Gewinner sein.
Wie sieht in Österreich die Entwicklung der Ackerflächen aus?
Martin Gerzabek: In Österreich sind wir schon auf einem sehr niedrigen Niveau. Wir haben 1600 Quadratmeter an Ackerfläche pro Person zur Verfügung. Weltweit sind es ungefähr noch 3500 Quadratmeter, Tendenz natürlich weiter fallend aufgrund der Zunahme der Weltbevölkerung. Für Österreich gilt, dass die Selbstversorgung nicht mehr in allen Bereichen gegeben ist. Das wird natürlich entsprechend ausgeglichen. Wir sind Teil einer großen Wirtschaftsunion und in einem globalen Markt eingebettet.
Welche Lösungsansätze gibt es, um weltweit die Hungerproblematik zu lindern?
Martin Gerzabek: Wir können jetzt nicht sagen: Wir haben die Lösung, naturwissenschaftlich ganz klar, man macht das und jenes, und dann wird man diese Erträge erzielen. Sondern wir müssen die lokalen Landwirte unterstützen, selbst Systeme zu entwickeln, die mit den dortigen Möglichkeiten umsetzbar sind. Wir müssen unseren Schwestern und Brüdern das Fischen lernen und nicht die Fische schicken. Ich sehe hier einen ganz wesentlichen Beitrag der Bildungseinrichtungen. An der Boku haben wir ungefähr 20 Prozent ausländische Studierende und die Hälfte davon kommt aus Entwicklungsländern. Wir wollen als eine der immer noch reichsten Ökonomien der Welt mithelfen, über die Bildung vor Ort Verbesserungen herbeizuführen.
Wie geht man auf Ihrer Universität mit der Thematik "Gentechnik" um?
Martin Gerzabek: Das ist ein heiß diskutierter Bereich, auch an der Boku, die ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Wir finden bei uns alle Strömungen. Wobei es schwierig ist, was jetzt Gentechnik ist und welcher potentieller Nutzen daraus entstehen kann. Gentechnisch veränderte Pflanzen für die Ernährung werden von der Bevölkerung anders gesehen als solche, die dazu dienen, um Medikamente herzustellen. Es gibt in der Pflanzenzüchtung zunehmend Methoden, die eigentlich nicht klassische Gentechnik sind, die aber molekulare Methoden anwenden, um schneller zu einem Züchtungserfolg zu kommen. Wir haben nun eine Ethikplattform gegründet, die es uns ermöglicht, Themen aufzugreifen und offen an der Universität zu diskutieren.
Das Thema "Nachhaltigkeit" wird auch stark diskutiert. Worin sehen Sie die Aufgabe der Kirche?
Martin Gerzabek: Ich denke, dass die katholische Kirche durchaus eine gewisse Verantwortung übernehmen sollte und dass sie auch dies schon immer tut.
Ich darf daran erinnern, dass die Stifte und Klöster durchaus Großgrundbesitzer in Österreich sind und in den meisten Fällen sich sehr stark auch im Bereich der biologischen Landwirtschaft engagieren. Sie haben einen Ökologisierungsschub durchgeführt und übernehmen eine gewisse Vorreiterrolle in den Regionen. Die Kirche als Institution kann in ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusstseinsbildend wirken, dass uns diese Erde gegeben ist, um sie entsprechend pfleglich zu behandeln und sie nicht auszubeuten – das steht schon in der Schöpfungsgeschichte.
Warum ist Ihnen die Hochschulseelsorge ein großes Anliegen?
Martin Gerzabek: An den Universitäten gibt es viele Menschen, die Suchende sind und letztlich Unterstützung haben wollen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten können. Aus meiner Sicht haben die christlichen Religionen die Aufgabe, sich hier einzubringen. Es gibt so viele Fragen, die man ansprechen kann wie Welternährung, soziale Ungleichheit, globale ökonomische Hintergründe, Gentechnik usw.
Martin Gerzabek, geboren 1961 in Wien, ist verheiratet und hat vier Kinder.
Er studierte an der Universität für Bodenkultur Landwirtschaft (Pflanzenproduktion). 1985 erfolgte die Sponsion zum Dipl.-Ing., 1987 die Promotion zum Dr. nat. techn. In seiner Dissertationsarbeit beschäftigte er sich mit der Pflanzenverfügbarkeit von Magnesium. 1993 habilitierte sich Gerzabek für das Fachgebiet Bodenkunde auf Basis seiner Arbeiten zum Schadstoffverhalten im Boden.
2001 wurde er auf den Lehrstuhl für Umwelttoxikologie und Isotopenanwendung am Institut für Bodenforschung, Department Wald- und Bodenwissenschaften an der BOKU berufen.
Von 1984 bis 2003 war Gerzabek wissenschaftlicher Mitarbeiter der ARC Seibersdorf Research (heute AIT, Austrian Institute of Technology). Von 1997 bis 2003 stand er als Leiter der Abteilung Umweltforschung am AIT vor.
In den Jahren von 2003 bis 2010 war Martin Gerzabek Vizerektor für Forschung und von 21. Jänner 2009 bis 31. Jänner 2010 geschäftsführender Rektor der Universität für Bodenkultur Wien. Seit 1. Februar 2010 ist er als gewählter Rektor im Amt.
Weitere Informationen zu "Der Sonntag" - die Zeitung der Erzdiözese Wien
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